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Oskar Werner – Hollywood-Star zwischen Genie und Melancholie

22. Juni 2009 Keine Kommentare

Er hatte einen melancholischen, geradezu verletzlichen Gesichtsausdruck, einen unaussprechbaren bürgerlichen Namen und ein schweres Gemüt. Er spielte den „Hamlet“ genauso mitreißend wie „Mozart“. Jüngere Semester kennen diesen hervorragenden Mimen womöglich gar nicht mehr. Dabei war er einer der eindruckvollsten Film- und Burgschauspieler des vergangenen Jahrhunderts. Oskar Werner hatte mit seinem besonderen Schauspieltalent gepaart mit seinem Wiener Charme Weltruhm erlangt.

Der blonde und auf eigene Art gut aussehende Werner wurde allgemein als Genie betrachtet. Sein Freund Spencer Tracy bezeichnete ihn als „Besten Schauspieler der Welt“. Sein Charisma und seine als hypnotisch bezeichnete Stimme waren legendär. Sie hatte einen poetischen Klang und strahlte wohl durch die charakteristische Wiener Sprachfärbung eine besondere Faszination aus.

Wiener Wurzeln

Mit dem Namen Oskar Josef Bschließmayer wurde er am 13.11.1922 in Wien geboren. Er wuchs in einfachen Verhältnissen in Gumpendorf bei Wien auf. Sein Vater war Versicherungsangestellter. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Oskar sechs war. Der Junge wuchs bei seiner Mutter auf, die in einer Hutfabrik arbeitete. Theaterbegeistert von Jugend an, entschied er sich nach einem Technikum für den Schauspielberuf und nahm ein wenig Unterricht bei dem Burgschauspieler Helmuth Krauss, der 1948 eine Schauspielschule in Wien gründete, die heute noch besteht.

Steile Theater- und Filmkarriere

1941 wurde der erst 19-jährige Oskar Werner am Wiener Burgtheater engagiert. In der zweiten Hälfte der 40-iger Jahre spielte er eine Vielzahl von Rollen an den verschiedensten Theatern Wiens. Ab 1948 war er schon in zahlreichen Kinofilmen zu sehen. 1948 spielte er etwa im Film „Der Engel mit der Posaune“ in einer Nebenrolle einen jungen fanatischen Nationalsozialisten. Später sollte er solche und ähnliche Rollen rigoros ablehnen. 1949 wurde er fristlos aus dem Burgtheater entlassen, als er unerlaubt zu Dreharbeiten nach London abgereist war. Er spielte im selben Jahr Beethovens Neffen im Film „Eroica“.

1950 unterzeichnete er in Hollywood einen 7-Jahres-Vertrag bei 20th Century Fox – den er 1951 angeblich aufgrund derer Bevormundung vor den Augen der machtgewohnten Studiobosse zerriss. Trotzdem wurde er im Laufe der Fünfziger Jahre als Theater- und Filmschauspieler zu einem der führenden Darsteller der damaligen Zeit. In „Der letzte Akt“ (1955) spielte er etwa die erfundene Figur des Hauptmanns Wüst, der Hitler in den letzten Tagen im Führerbunker von seinen wahnsinnigen Vorhaben abhalten wollte. Am Schluss des Films wird Wüst als Verräter erschossen. Marlon Brando soll sich diese Todesszene unzählige Male zu Studienzwecken angesehen haben. Ebenso 1955 mimte Oskar Werner in „Mozart“ den genialen Komponisten unbeschreiblich eindrucksvoll. Es sollte allerdings sein letzter in Österreich gedrehter Film sein.

Bei der feierlichen Eröffnung des Wiener Burgtheaters im Jahre 1955 gab er den „Don Carlos“ und feierte damit den Höhepunkt seiner Theaterkarriere. Es folgten Filme wie etwa „Lola Montez“, „Spionage“ und „Ein gewisser Judas“ (1958). 1959 kehrte er wieder völlig zurück ans Wiener Burgtheater, stieg aber 1962 – diesmal freiwillig – wieder aus. Der internationale Filmdurchbruch gelang ihm mit dem Kultfilm von Francois Truffaut „Jules und Jim“ (1962). Neben Weltstars wie Vivien Leigh, Lee Marvin und Heinz Rühmann gelang ihm ein weiterer Erfolg mit dem Film „Das Narrenschiff“ (USA, 1964). Dafür wurde Oskar Werner als bester Darsteller für den Oscar nominiert und er erhielt ferner den Golden Globe, den New York Film Critics-Award und einen französischen Filmpreis. Er soll über seine Rolle als Schiffsarzt in diesem Film gesagt haben: „Sie ist zwar nicht allzu groß, kommt aber meinem Charakter ungemein entgegen. Ich weiß, was Melancholie ist.“

In „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1965) lieferte sich die Leinwandgröße ein packendes darstellerisches Duell mit Richard Burton. 1966 war er in „Fahrenheit 451“ als Feuerwehrmann „Montag“ in einer weiteren Verfilmung von Francois Truffaut zu sehen. 1968 mimte er in „Interlude“ einen verliebten Dirigenten. Einen zweifelnden Priester spielte er neben Anthony Quinn in dem Streifen „In den Schuhen des Fischers“. Ab 1968 lehnte Oskar Werner sogar hochklassige Rollenangebote wie z.B. von Stanley Kubrick für „Napoleon“ ab. Es wird behauptet, er habe insgesamt dreihundert Rollenangebote ausgeschlagen. Sie seien allesamt ein „Verrat an gutem Geschmack“ gewesen. Er hatte beispielsweise zwar 1948 einen fanatischen Nationalsozialisten gespielt, verweigerte aber später Rollen, in denen er Nationalsozialisten in sympathischem Licht darstellen sollte. Nachdem er seinem Freund Stanley Kramer verweigert hatte, einen solchen in „Das Geheimnis von Santa Vittoria“ darzustellen, hat diese Rolle übrigens Hardy Krüger angenommen. Ebenso eine Rolle als Richard Wagner in „Ludwig II.“ verschmähte der Bühnenkünstler, da er – wie er offen gestand – Wagner hasste. Er war zudem rundweg gegen das damals gerade aufkommende Regietheater. Für ihn waren Schauspieler und die Dichtung die oberste Instanz. Der Star behauptete von sich selbst: „Ich bin ein Unbestechlicher“ und habe sich zwei Luxusartikel stets geleistet: Zeit und Charakter.

Ab den Siebziger Jahren führte er umfangreiche und sehr gut besuchte Rezitationstourneen durch die deutschsprachigen Länder und die USA durch. 1975 nahm er eine Gastrolle als Mörder in einer „Columbo“-Folge an. 1976 drehte er seinen letzten Film: „Reise der Verdammten“.

Seine auf CD erhältlichen Dichterlesungen von Heine, Rilke, Weinheber und Co. verkaufen sich im Übrigen gegenwärtig sehr gut.

Frauen und Wahlheimat Liechtenstein

„Frauen sind die besseren Menschen“, so Oskar Werner. Im Wiener Burgtheater lernte er die zwölf Jahre ältere Kammerschauspielerin Elisabeth Kallina kennen. Der junge Darsteller machte ihr auf der Bühne einen Heiratsantrag und sie heirateten 1944. Im selben Jahr kam ihre Tochter Eleonore zur Welt. Frau Kallina war Halbjüdin und nachdem er im Dezember 1944 desertiert hatte, versteckte er sich mit ihr und der kleinen Tochter im Wiener Wald. Sie blieben trotz der späteren Scheidung weiterhin eng befreundet.

Der Schauspieler zog nach seiner vorzeitigen Vertragsauflösung 1951 von Hollywood nach Triesen (Liechtenstein). Er kaufte sich Land und baute ein kleines Haus, das er über die Jahre immer mehr erweiterte. 1954 heiratete er Anne Power, die Stieftochter des Hollywood-Stars Tyrone Power, der der leibliche Vater der Sängerin Romina Power war. 1966 kam sein Sohn Felix auf die Welt, dessen Mutter das US-Fotomodell Diane Anderson war. Seine langjährige Lebensgefährtin bis zu seinem frühen Tod war die gleichaltrige deutsche Schauspielerin Antje Weisgerber. Sie zog sich ihm zuliebe von 1970 bis 1979 gänzlich aus ihrem Beruf zurück. Dem breiten Publikum ist die sympathische Mimin durch ihre Rolle in der Serie „Der Landarzt“ bekannt.

Elisabeth Kallina und Antje Weisgerber waren miteinander gut befreundet und verstarben zufällig beide im September 2004, zwanzig Jahre nach Oskar Werners Tod.
Kallina wurde 94, Weisgerber 82.

Melancholie und Genie

„Mein Leben ist unendlich schwer – immer gewesen…“, sinnierte Oskar Werner einst. Er war eine sensible Persönlichkeit, innerlich zerrissen und wurde oft als schwierig und exzentrisch beschrieben. Er war ein überzeugter Pazifist und lag im Krieg nach einem Bombenangriff drei Tage unter den Trümmern. Seine Lebensgefährtin Antje Weisgerber vermutete darin den Auslöser der manischen Depression, unter der er seither zeitlebens gelitten hatte. Gerade diese Melancholie schien ihn aber zu diesem glanzvollen Schauspieler zu machen.

Von Kindheit an fühlte er sich dem jüdischen Volk hingezogen. Seinen teils deutschnationalen Lehrern sagte er schon damals unmissverständlich, dass er nicht viel von ihnen hielt. Diese Direktheit machte es ihm aber klarerweise damals nicht leicht. Viele seiner Filme zu dem Thema Juden und Nationalsozialismus verschafften Oskar Werner zahlreiche Verehrer in Israel.

Er liebte die Einsamkeit in seinem Triesener Haus und die absolute Anonymität, die er dort mit seinen zigtausenden Büchern genießen konnte. Das Tor zu seinem Grundstück zierte ein Schild mit der Aufschrift: „Gewähret, dass ich ersuche: Bitte keine unangemeldeten Besuche!“ Oskar Werner kochte außerdem für sein Leben gern. Er verjagte jeden Eindringling, ob Sekretärin oder Lebensgefährtin, mit den Worten „Hier bin ich der Kapitän!“ aus seiner Küche.

Seine letzten Lebensjahre waren von Depressionen und Alkoholproblemen gezeichnet. Er starb am 23.10.1984 im Alter von 61 Jahren in einem Hotel in Marburg an der Lahn vor Beginn einer Rezitationstournee durch Deutschland an Herzversagen. Schon zu Lebzeiten sorgte er für eine Beisetzung in Triesen.

Aufregung gab es vor etwa eineinhalb Jahren, als bekannt wurde, dass im Triesener Friedhofreglement festgelegt ist, dass Gräber samt Grabsteinen nach 20 Jahren aufgelöst werden können. Medien und Fans haben ob dieser Tatsache aufgeschrieen. Eine Diskussion folgte, wie man verhindern könne, dass die sterblichen Überreste dieses unvergesslichen Künstlers in einem Massengrab landen. Bislang ist seine letzte Ruhestätte jedoch noch nicht angerührt worden.

Doch wer weiß: Vielleicht hat ja Oskar Werner diese Vorschriften gekannt und mit Absicht diesen Friedhof gewählt? Denn die Anonymität hatte er immerhin schon zu Lebzeiten geliebt…

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